Die Biologie der Meeresschildkröten

Frisch geschlüpfte ivorische Lederschildkröte bei ihren ersten Schritten ins Meer

Es gibt weltweit nur sieben Arten von Meeresschildkröten. Es handelt sich um stammesgeschichtlich sehr alte Reptilien, die vom Land ins Meer gegangen sind. Geblieben ist die Abhängigkeit vom Land, an dem die Eier abgelegt werden, die von der Sonne im 27-29° warmen Sand ausgebrütet werden. Es dauert etwa zwei Monate, bis die Jungen schlüpfen. Die meisten Meeresschildkröten wandern sehr weit über den gesamten Globus, und es ist immer noch ein ungelöstes Rätzel, wie sie es schaffen, sich zur Paarung und Eiablage zeitgleich und an bestimmten Stellen zu „verabreden“. Die Paarung findet im Flachwasser statt. An Land gehen nur die Weibchen. Die Eiablage geschieht in Mond armen Nächten und dauert nur wenige Stunden. Die Jungen schlüpfen meist nachts. Sie schwimmen sofort zügig ins offene Meer hinaus, um den zahlreichen natürlichen Fressfeinden am Strand und im Flachwasser zu entgehen. Natürliche Prädatoren der Jungen sind z.B. Schakale, Warane, Vögel, Krabben und Fische. Wohin die Jungen schwimmen und wie sie im offenen Meer leben ist kaum bekannt. Die erwachsenen Meeresschildkröten haben sich auf unterschiedliche Nahrungsressourcen spezialisiert. Suppenschildkröten sind überwiegend Pflanzenverzehrer, die Bastardschildkröte frisst Krebse und wächst daher auch sehr schnell, die Karettschildkröte bevorzugt Schwämme. Am eindrucksvollsten ist die größte Meeresschildkröte, die bis zu einer Tonne Gewicht erreicht: die Lederschildkröte. Dieses einzigartige Tier schwimmt frei im offenen Ozean herum und ernährt sich von Quallen. Als maximale Tauchtiefe wurden bis zu 1000 Meter ermittelt, als maximale Tauchzeit 70 Minuten. Viele Einzelheiten aus dem Leben der faszinierenden Meeresschildkröten sind noch unerforscht.

Die Meeresschildkröten von Côte d´Ivoire

Oliv-Bastardschildkröte in Grand Béréby

Die Lage des Landes mit über 500 Km Küstenlinie parallel zum Äquator lässt vermuten, dass ehemals fast überall Meeresschildkröten Eier abgelegt haben. Hinweise darauf geben heute noch bestehende einzelne Laichplätze bei Abidjan (J. Gomez, belegt durch Fotos). Deutliche Hinweise bestehen, dass im gesamten Südwesten des Landes, etwa zwischen San Pedro (Beleg einer erfolgreichen Reproduktion 2015 durch O. Grell) und  der Landesgrenze nach Liberia Eier abgelegt werden. Eine systematische Erhebung von Meeresschildkröten in Côte d´Ivoire wird gegenwärtig von Alexandre Dah, Universität Cocody in Abidjan, durchgeführt. Demnach sind für Côte d´Ivoire vier Arten Meeresschildkröten mit Reproduktion nachgewiesen. Die  Populationsgrößen sind sehr unterschiedlich und schwanken von Jahr zu Jahr. Die weitaus meisten Meeresschildkröten legen ihre Eier im Bereich zwischen Grand Béréby und Tabou ab. Auf diesem genannten Küstenabschnitt werden folgende Arten Meeresschildkröten und Anzahlen von Nestern pro Jahr gefunden: Oliv-Bastardschildkröte, Lepidochelys olivacea mit etwa 1000 Nestern, Suppenschildkröte, Chelonia mydas mit etwa 150 Nestern, Lederschildkröte, Dermochelys coriacea mit (schwankend) bis zu 300 Nestern und die Echte Karettschildkröte, Eretmochelys imbricata mit einzelnen Exemplaren, einschließlich belegtem Reproduktionsnachweis. Hervorzuheben sind v.a. Leder- und Suppenschildkröte, die beide weltweit als stark bedroht bis vom Aussterben bedroht gelten (IUCN). Im Südwesten der Côte d´Ivoire bestehen demnach 2015 noch voraussichtlich überlebensfähige Bestände weltweit bedrohter Meeresschildkröten.

Die Bedrohung der Schildkröten

Am Strand geschlachtete Meeresschildkröte, Grand Béréby
Getötete Lederschildkröte, Grand Béréby
Zum Verkauf angebotene Eier

Die meisten Populationen von Meeresschildkröten sind stark bedroht (IUCN). Die Rückgangsursachen sind überwiegend der Verlust der Reproduktionsstrände durch Nutzungsintensivierung durch den Menschen und direkte Verfolgung, v.a. der Verzehr der Eier. In Côte d´Ivoire wird diese weltweite Situation in klassischer Form wiedergespiegelt. Die zunehmende Besiedlung und Nutzung der Küste lässt kaum eine erfolgreiche Reproduktion zu. Dort wo noch Restpopulationen existieren, werden die Eier ausgegraben und verzehrt. Der Fang von Meeresschildkröten ist zwar offiziell durch nationale Gesetze verboten, Kontrollen oder Schutzgebiete existieren jedoch nicht, so dass das Aussterben der Meeresschildkröten in Côte d´Ivoire in naher Zukunft zu erwarten ist. Das 2012 gegründete Schutzprojekt bei Grand Béréby ist die erste und bisher einzige Initiative, um die wertvolle Biodiversität an der Küste von Côte d´Ivoire zu erhalten.